Leere ist kein Verlust, sondern eine Einladung
oder
Die Kunst der Leere
Unsere Kultur ist geprägt von sehr alten Mustern.
Tief in uns sind wir noch immer Jäger und Sammler, die durch die Savanne ziehen.
Damals war es überlebenswichtig, mitzunehmen, was nützlich erschien
– Nahrung, Werkzeuge, Erfahrungen.
Heute, in einer Welt des Überflusses – an Dingen, Reizen und Informationen –
zeigt sich, dass dieses alte Programm nicht mehr so gut funktioniert.
Wer zu viel sammelt, trägt zu schwer.
Und was uns einst half zu überleben, hält uns heute oft davon ab, frei zu atmen.
Das Tun als kultureller Reflex
Unsere Kultur schätzt das „Nicht-Handeln“ kaum.
Wir definieren uns über Aktivität, Produktivität, über das, was sichtbar entsteht.
Dabei formen wir uns und unsere Umwelt nicht nur durch das, was wir tun –
sondern ebenso durch das, was wir nicht tun,
was wir weg lassen.
Rodin formte seinen „Denker“, indem er Ton auf Ton setzte,
bis das Werk Form annahm.
Michelangelo dagegen schuf seinen „David“, indem er alles entfernte,
was die Gestalt verdeckte.
Beide Wege führen zur Kunst – der eine durch das Hinzufügen, der andere durch das Weglassen.
Unsere westliche Denkweise liebt das Tun,
die östliche das Lassen.
Im einen erschaffen wir durch Gestaltung,
im anderen durch Befreiung.
Bewusst innehalten
Wer sich vom eigenen Autopiloten lösen will, braucht Bewusstsein.
Es ist eine Entscheidung, das Steuer für einen Moment loszulassen –
nicht sofort zu reagieren, nicht sofort zu handeln.
Diese kleine Pause, dieser Moment der Leere,
ist kein Stillstand, sondern ein Möglichkeitsraum.
Leere ist kein Fehlen – sie ist Freiraum.
Nur wer innehält, kann neu wählen.
Nur in der Leere wird sichtbar, was wirklich wesentlich ist.
Ein leerer Becher
Wenn wir aus der Quelle unserer Intuition schöpfen möchten,
brauchen wir einen leeren Becher.
Einen Geist, der nicht schon weiß, was er hören will.
Einen Moment ohne Ziel, ohne Plan, ohne Sollen.