Brief von einem Freund

Der Körper hat keine Worte, aber dennoch eine eigene Stimme.
Er doziert nicht, er postet nicht.
Er hat keine These, keinen roten Faden,
nicht einmal ein Schlusswort zum Abschied.

Er spricht in jenem leisen Ziehen,
das noch kein Bild in sich trägt,
aber schon weiß, was du gestern vergessen hast.
Er spricht in der Müdigkeit, die sich nicht mit Kaffee bestechen lässt.
In dem Atemzug, der plötzlich los lässt,
als wüsste der Brustkorb vor dir,
dass du wieder einmal zu lange die Luft angehalten hast.

Er ist kein Haus, in dem du wohnst.
Er ist das Erste, durch das die Welt je zu dir kam.
Noch bevor ein einziges Wort geboren war,
hat er bereits gespürt:
die Schärfe eines Blickes,
die Lüge in einem zu schnellen Lächeln,
die Wärme einer Hand, die nichts verlangt,
den einen Schritt zu weit,
die eine Sekunde, in der plötzlich alles wieder atmen durfte.

Er spricht in Spannung und in Weichwerden,
in Hunger, der nicht nur nach Essen fragt,
in Herzklopfen, das fragt: wohin rennst du eigentlich?,
in dem kleinen, fast unhörbaren Seufzer,
wenn endlich etwas stimmig wird.

Und manchmal – sehr oft sogar –
ist sein sogenanntes „Symptom“ nichts anderes
als eine zähe, treue Form von Liebe.
Etwas in dir hat sich geweigert, weiter zu lügen.
Der Nacken erinnert sich,
die Schultern tragen noch die alte Last,
das Zwerchfell sagt: ich lasse das nicht durchgehen.
Er hält fest.
Bis du hinschaust.

Vielleicht liegt die eigentliche Frage gar nicht darin,
was „falsch“ ist mit dem Körper.
Sondern was er dir seit Monaten, vielleicht Jahren,
mit wachsender Dringlichkeit zeigen möchte.

Und wenn er dann – irgendwann – verzweifelt lauter wird,
wenn er schreit in Form von Schmerz,
von Brennen, von Nicht-mehr-gehen-können,
dann ist die gängigste, die traurig-ironische Antwort des Menschen:
schnell die Ohren zuhalten.
Nur eben nicht mit den Händen,
sondern mit der kleinen weißen Tablette,
den Tropfen, dem Pflaster,
dem „das-kriegt-man-doch-heute-gut-in-den-Griff“.

Als könnte man eine Wahrheit zum Schweigen bringen,
indem man ihren Boten betäubt.

Dabei wäre es vielleicht
– nur vielleicht – einmal an der Zeit,
den alten, wortlosen Gefährten
wieder ernst zu nehmen.


Nicht als Maschine, die repariert werden muss,
sondern als das feinste, ehrlichste Instrument,
das du je besitzen wirst.

Hör hin.


Er meint es gut mit dir.
Auf seine rauhe, unerbittliche und uralte Art.